"Steenborgs Ritt" von Ira Ebner im Lektorat: Eine Leseprobe

Steenborgs Ritt Leseprobe

Berlin roch an diesem Abend so schlecht wie immer, nach Benzin, Rauch und dem Fett der Imbissbuden. Der Atem des Frühherbstes mischte sich unter und rang um Vorherrschaft. Auf dem Weg vom Willy-Brandt-Haus zur Wohnung drehte sich Arnes Gespräch mit dem Fahrer um die Kandidatur und das, was die Welt in diesen Tagen bewegte. Ein wenig unverbindliches Fachsimpeln über Fußball und darüber, welcher Fahrgast höflich und welcher unnahbar war.

„Da gab es nach der letzten Wahl so einige neue, junge Abgeordnete, die sich für die Größten hielten“, erzählte der Fahrer. „Bei manchem ging der Idealismus sehr schnell verloren. Viele von denen reden nicht mal mit einem. So sind sie eben.“

Arne hörte aus den Worten des Fahrers und las aus seinen Gesten, dass der Mann stille Sympathien für ihn hegte. Schließlich hielt der Mercedes vor einem der Stadthäuser in einer der ruhigeren Seitenstraßen an.

„Einen schönen Abend noch“, wünschte ihm der Fahrer.

„Danke, für Sie ebenfalls“, erwiderte Arne und gab ihm eine Zweieuromünze als Trinkgeld.

Die Aktenmappe unter den Arm geklemmt schloss Arne die Tür auf. Im Treppenhaus ging das Licht an. Er spürte, wie anstrengend dieser Tag gewesen war und gab seiner Erschöpfung nach. Doch lieber der Lift anstelle der Stufen.

Nachdem er die Wohnungstür hinter sich zugesperrt hatte, legte er das Jackett ab und löste die rote Krawatte. In den Räumen lastete die Stickigkeit der Tage, an denen er nicht hier gewesen war. Ein vergehender Rest der schwülen Berliner Sommerhitze und der Staub der Großstadt, der selbst durch Fensterritzen drang. Die schwarze Mattscheibe des Fernsehers starrte ihn an. Er brauchte dringend Luft und riss die Balkontür weit auf, damit die kühle Nachtluft das Zimmer flutete. Bäume und Häuser schluckten das Dröhnen des Verkehrs. Berlin war immer wach und immer laut.

Arne holte eine Flasche aus seinem Weinvorrat und entkorkte sie. Das Glas Rotwein nahm er mit einem Romeo y Julieta-Zigarillo auf dem Balkon. Der erste Schluck breitete sich warm in ihm aus. Genüsslich zog er an seinem Zigarillo.

Es stand keine Mitgliederbefragung bevor, die ihn zur Disposition gestellt hätte. Über die Kommissionen und Beratergruppen der Partei hatte er sich hinweggesetzt. Die Last der Warteposition und der Dementis war von ihm abgefallen. Es war kein Glück. Es war nur Politik.

Arne lehnte sich über die Balkonbrüstung, schwenkte das Glas und betrachtete die Kegel der Straßenlaternen. Die Rollkoffer der Touristen schrammten auf dem Gehsteig. Über Arne schwebte ein zunehmender Mond. Vom Balkon aus ließ sich das Kanzleramt nicht ausmachen, es lag jedenfalls vor dem Ende des nächtlichen Horizonts. Berlin war wie der Mond. Es gab die strahlende, schöne Seite. Aber auch die düstere, die unsichtbar blieb.

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