Von Germanen und Kürbisgeistern

Alex und Katja schauen noch einmal durch die Tür des Gartenschuppens nach draußen. Heute ist der 1. November. Um diese Zeit, kurz vor dem Abendessen, ist es schon dunkel, nicht stockdunkel, aber immerhin. In der Küche und im Wohnzimmer brennt Licht. Das bedeutet, dass Katjas Mama das Abendessen zubereitet. Sie hat keine Ahnung, dass ihre Tochter und deren bester Freund draußen sind anstatt in Katjas Kinderzimmer.

Katja hat Alex dazu überredet, sich mit ihr zusammen aus dem Haus zu schleichen und zwar ohne Erlaubnis, also geheim. Ihre Mama konnte Katja deshalb nicht fragen, weil sie etwas Verbotenes vorhatten. Vielleicht hätte Mama sogar Verständnis, aber Katja will es nicht darauf ankommen lassen.

Ganz leise wie Indianer auf Beutefang kletterten sie die Treppe zwischen dem ersten Stock, wo das Kinderzimmer liegt, und dem Erdgeschoss hinunter. Dann wurde es brenzlig. Sie mussten nämlich an der Küche vorbei, um die Treppe zu erreichen, die in den Keller führt. Von dort aus gelangten sie durch eine Tür in den Garten. Das haben Alex und Katja schon oft gemacht. Es ist ihr Geheimnis.

Aufatmend, weil sie es wieder mal geschafft haben, schließen sie die Tür des Gartenschuppens. Für diese riskante abendliche Aktion gibt es einen guten Grund. Auf dem Tisch im Gartenschuppen leuchtet die Gespensterfratze eines Halloweenkürbisses und grinst sie an.

„Lass‘ uns anfangen!“ Ungeduldig tritt Alex von einem Fuß auf den anderen.

„Ja“, stimmt Katja etwas ungehalten zu, „ich muss mich konzentrieren!“ Sie schließt die Augen und breitet die Arme weit aus. Dann hält sie die Hände über den Kürbis.

Alex leuchtet mit einer Taschenlampe, denn sie wissen genau, dass sie ohne Erwachsene keine Windlichter anzünden dürfen.

„Halloween ist zwar vorbei, aber wir bitten dich, großer Kürbisgeist, zeig‘ dich uns“, flüstert Katja beschwörend.

Dann starren sie auf den angeleuchteten Kürbis und – warten. Katja merkt, dass Alex anfängt, sich zu langweilen.

„Siehst du“, mault er, „ich habe ja gesagt, dass das Ganze Schwachsinn ist.“

Sofort wird Katja wütend. Sie kann es nicht leiden, wenn ihr bester Freund ihre Ideen miesmacht. „Nun warte doch mal“, ruft sie zornig, „in meinem Buch über die Menschen, die früher hier lebten, vor dem Mittelalter, aber nach der Steinzeit, steht es. In der Nacht zum ersten November entzündeten die Germanen, so heißen die, Feuer auf ihren Feldern. Damit dankten sie den Göttern für die Ernte und wollten sich gleichzeitig mit den Wintergeistern gut stellen. Ihre Zauberer und Zauberinnen opferten Feldfrüchte, auch Kürbisse. Dabei wandten sie uralte Magie an, damit die Geister sich ihnen zeigten. Das muss doch heute auch noch funktionieren!“

Mit großen Augen schaut Alex sie an. Offensichtlich fragt er sich gerade, wieso er auch nur eine Minute lang glauben konnte, dass die Sache klappen würde.

Diesen Blick kennt Katja und sie kocht vor Wut. Gerade als sie losschimpfen will, macht es „plopp“. Es ist ein ziemlich lautes „plopp“. Und dann geht das Licht aus. Erschrocken zucken sie zusammen und halten sich aneinander fest. Immer noch hält Alex die Taschenlampe auf den Kürbis gerichtet. Und das ist gut so oder auch wieder nicht, denn so sehen die Kinder, was den Plopp verursacht hat. Der Kürbis ist auseinandergebrochen, gerade so, als hätte jemand einen schweren Gegenstand darauf geworfen. Die Schale liegt in unterschiedlich großen Stücken auf dem Tisch verteilt. Dazwischen gibt es Pfützen von glibberiger orangefarbener Matschepampe.

Inmitten der ekligen Soße sitzt ein merkwürdiges Etwas. Das Ding ist so groß wie eine Zahnpastatube, sieht ein bisschen aus wie eine Hexe, aber ohne Besen. Sein Kleid ist orange und irgendwie durchsichtig. Helle Haare stehen struppelig nach allen Richtungen ab und umrahmen ein verschlafenes, missmutiges Gesicht mit einer breiten Knollennase. Aus zusammen gekniffenen gelben Augen wirft das Wesen einen giftigen Blick auf Alex und Katja. „Verflixt, ich wollte schlafen“, stößt es böse hervor.

Jetzt ist Katja so verwirrt, dass sie vergisst, sich zu fürchten. „Wer, wer bist denn du?“, fragt sie.

„Na, das glaubt man nicht. Das Menschending ruft einen Kürbisgeist. Dann erscheint er und dann fragt das Menschending den Geist, wer er überhaupt ist“, meckert das Männchen. Dann schnaubt es verächtlich. „Wie bei den Alten“, fügt es hinzu, „genau wie bei den Alten.“

Katja sperrt die Ohren auf.

„Welche Alten waren genau so blöd wie wir?“ Alex scheint die Spannung kaum auszuhalten.

„Na wer schon?“ Der Kürbisgeist gähnt. „Eure Vorfahren, die alten Germanen. Die zündeten am Ende des Jahres zu Beginn der dunklen Zeit Feuer an, um uns milde zu stimmen. Sie hatten Angst vor uns. Das ist natürlich Blödsinn.“

„Ach, ist es das?“, fragt Katja.

„Klar“, entgegnet der Geist, „wir können halt nicht so hübsch aussehen wie die Frühlings- und Sommerfeen oder diese albernen Elfen, die immerzu kichern und herumtanzen. Unsere Jahreszeit ist nun mal anders. Da geht es wild und stürmisch zu. Deshalb sind wir so, wie wir eben sind, aber doch nicht böse.“ Jetzt wirkt der Geist ein wenig traurig und seufzt tief. Dann grinst er und fügt hinzu: „Nur Schabernack treiben wir ganz gern, aber, ich frage euch, wer tut das nicht?“

„Ja“, bestätigt Katja. „Wer tut das nicht? Es ist wirklich ungerecht, dass wir Menschen euch so falsch einschätzen“. Irgendwie fühlt sie sich als Mensch, der sie nun mal ist, gerade ein wenig mies.

„Können wir denn irgend etwas für dich tun?“, fragt Alex.

Da leuchten die Augen des Kürbisgeistes. „Ja“, haucht er, „was Süßes, irgend etwas Süßes.“

Da hat er Glück, denn Katja und Alex haben fast immer ein paar Süßigkeiten bei sich. Hastig durchwühlen sie ihre Jackentaschen. Alex findet eine Tüte Gummibärchen, Katja eine Lakritz-Schnecke. Ihre Habseligkeiten halten sie dem Geist hin.

„Das ist leider alles“, entschuldigt sich Katja.

„Oh, aber nicht doch“, jubelt der Geist, „das ist ganz wundervoll.“ Er öffnet den Mund. Da fliegen die Gummibärchen mitsamt Tüte und die Lakritz‑Schnecke direkt hinein. Genießerisch schließt er die Augen und schmatzt. Obwohl er ein wenig durchsichtig ist, kann man die Sachen zum Glück nicht mehr sehen. Nachdem er zu Ende gekaut hat, rülpst er herzhaft. Dann schaut er die Kinder glücklich an.

„Wenn es recht ist“, sagt er gut gelaunt, „fliege ich jetzt los und suche mir eine neue Bleibe.“ Vielsagend schaut er auf die Kürbisreste. „Selbstverständlich revanchiere ich mich für die wundervolle Speisung. Ich sorge dafür, dass ihr im kommenden Jahr Glück habt.“ Er zwinkert den Kindern zu, erhebt sich und flattert schnurrstracks davon durch die geschlossene Schuppentür.

Stille breitet sich in dem dämmrigen Raum aus. Alles ist wieder wie vorher und doch haben sich die Dinge komplett verändert.

„Wahnsinn“, haucht Alex.

„Total irre“, seufzt Katja.

Sie schauen sich an und nicken einander zu. Das Erlebnis war so wunderbar, das Abenteuer so großartig. Darüber zu sprechen, hätte den Zauber zerstört. Das spüren beide. Schließlich kommen sie überein, ihr Glück doch nicht zu sehr herauszufordern. Schnell wischen sie die Kürbispampe weg und schleichen zurück ins Haus, gerade noch rechtzeitig, denn Katjas Mama ruft zum Essen.

Tatsache ist, dass das Glück an diesem Abend beginnt. Normalerweise serviert Katjas Mama abends nur belegte Brote. An diesem Tag aber überrascht sie die Kinder ebenso wie Katjas Papa mit Bratwürstchen und Kartoffelbrei.

 

©Carolin Olivares, Lektorat Carolin Olivares

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