"Das deutsche Spiel" von Ira Ebner - die Gegenspieler des Helden

Der Marionettenspieler von Frankfurt – Steenborgs erbittertster Gegner

Judith haben wir euch bereits vorgestellt. Kommen wir zu dem Mann, der hinter ihr steht und die Strippen zieht: Albert Mosbach, Vorstandsvorsitzender der größten deutschen Bank. Er residiert in seinem Turm aus Stahl und Glas in Frankfurt und weiß genau, wie mächtig er ist. Spekulationen, Hedgefonds, Transaktionen – mit einem Fingerschnipp könnte er den DAX abstürzen lassen, wenn ihm politische Entscheidungen nicht gefallen.

Sein schlimmstes Szenario: Arne Steenborg wird Kanzler und reguliert die Banken! Schließt die Zockerbuden! Er würde entmachtet werden und der Sozialismus bräche aus! Um jeden Preis will er unterbinden, dass sich jemals etwas in Deutschland ändert, weder in der Politik, noch in der Gesellschaft. Judith ist eines seiner Mittel zum Zweck, das andere ist eine schmutzige Medienkampagne gegen seinen Erzfeind. Morsbach hat die Fäden in der Hand, die Macht und das Geld …

Leseprobe

In seinem Büro im Glasturm seiner Bank, in seinem Pilotensessel, auf Augenhöhe mit den anderen Chefetagen der umliegenden Frankfurter Glastürme, rührte Albert Morsbach in seinem Kaffee. Der Löffel schlug gegen das Porzellan. Der Kaffee schmeckte nicht. Vor ihm lag das Papier des Kandidaten, das ihm die Sekretärin aus dem Internet ausgedruckt hatte. Von den Fotos am Rand seines Schreibtischs lächelten seine Frau und seine Töchter.

 Eine Kriegserklärung! Ein Affront! Mit Genugtuung hatte er die Headline des Wirtschaftsblatts gelesen: Der Bankenschreck. Aber das genügte nicht. Er musste handeln. Er drehte den Ständer mit den Visitenkarten: Ralf Schmid, Chefredakteur, griff nach dem Hörer und wählte die Nummer. Eine sonore Männerstimme meldete sich.

Deutschland drohte immer eine Gefahr. Die Deutschen mussten immer etwas fürchten. Die Deutschen mussten immer jemanden hassen.

„Ralf Schmid?“, fragte Albert.

„Am Apparat“, antwortete der Chefredakteur des Blick. „Wer spricht denn?“

„Albert Morsbach. Hast du fünf Minuten für mich?“

„Für dich immer, auch mehr. Was kann ich für dich tun?“

Albert lehnte sich in seinem Pilotensessel zurück. Die Rückenlehne federte angenehm nach.

„Steenborg, dieses Schreckgespenst der Banken, bereitet mir Kopfschmerzen. Hast du das Papier gelesen, mit dem er dem Finanzkapital den Kampf ansagt?“

„Das kenne ich. Er hat es gestern der Öffentlichkeit präsentiert. Damit punktet er gehörig beim Volk und gibt ihm, was es verlangt, nämlich den kühlen, klugen Finanzpolitiker.“

„Ich brauche keine Analysen von dir, sondern deine Hilfe“, drängte Albert.

„Das war nur meine Beobachtung, frei von jeder Wertung“, erklärte Ralf. „Ich weiß, was du willst. Du willst, dass wir den Herrn genauer beobachten und ihm seine eigenen Sünden um die Ohren hauen, richtig?“

Langsam besserte sich Alberts Laune. Er nahm den Löffel aus der Tasse und schluckte den Kaffee hinunter. „Richtig“, sagte er. „Kocht ihn weich! So weich, dass er aufgibt, bevor der eigentliche Wahlkampf beginnt. Dann müssen sich die Sozialdemokraten umsehen, wen sie aufstellen, und das dürfte schwierig werden. Die Zeit wird gegen sie arbeiten. Mit einem neuen Kandidaten müssen sie bei Null anfangen.“ Er leckte sich die Lippen, schmeckte seine Worte. „Du weißt, was ich meine. Dieser Mann darf auch nicht annähernd eine Chance bekommen, der Kanzlerin gefährlich zu werden. So lange sie an der Macht ist, ändert sich nichts. Alles ist gut so, wie es ist. Deutschland braucht keine sozialistischen Reglementierungen. Ein für alle Mal, nein.“

„Ist in Ordnung, Albert. Da lässt sich was machen.“

„Danke.“ Nachdem er das Gespräch beendet hatte, legte er zufrieden die Hände auf die Armlehnen. Der Tag begann, eine neue Wendung zu nehmen. Um diese erfreuliche Entwicklung fortzusetzen, schrieb er eine SMS. Tinka, bring Leben in die Gruppe.

Die Sekretärin klopfte an. Albert rief sie herein.

„Herr Morsbach, Ihr Kunde ist da.“

„Soll reinkommen.“ Er erhob sich aus seinem Pilotensessel, als der Kunde, der Vorstandsvorsitzende eines großen Unternehmens, über den Teppich auf ihn zukam. Albert klopfte ihm auf die Schulter. Dann setzte er sich wieder. „Nimm Platz.“ Er legte die Beine auf den Tisch, faltete die Hände auf dem Bauch und fragte: „Du bist gekommen, weil du eine sichere Anlage deines Vermögens im Ausland brauchst?“

„Ja. Ich will nicht, dass der Fiskus Steuern auf meine hart erarbeiteten Gewinne erhebt. Dann wäre ich ruiniert und müsste Stellen streichen.“

„Outsourcen“, lächelte Albert. „Das ist immer ein gutes Druckmittel. Kommt in den Medien und macht den Politikern ein schlechtes Gewissen. Dann spuren sie.“ Er machte eine Handbewegung, als schwinge er eine Peitsche. Dann beugte er sich vor. „Ist aber nicht sicher, dass sie immer spuren. Ich hätte eine Alternative: Meine Bank hat eine Firma auf Granada. Vertrau mir, da ist dein Geld sicher und bestens aufgehoben. Alles ganz diskret. Du hast nur Vorteile.“

„Das klingt interessant.“

„Ich rufe einen meiner Mitarbeiter an, der sich um den Geschäftsbereich in der Karibik kümmert. Er wird dir die entsprechenden Unterlagen zusammenstellen.“

„In Ordnung.“

Albert griff erneut zum Telefon.

 © Ira Ebner 2017

 

 

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